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Perfektionismus beim Musizieren — 10 Kommentare

  1. Bei diesem Thema fällt mir immer ein kleiner Schüler ein, der recht vielversprechend begonnen hatte, aber dann bald das Handtuch geworfen hat. Seine Mutter hat mit erzählt, dass er beim häuslichen Üben immer furchtbar wütend auf sich selbst war, wenn es nicht so geklappt hat wie erwartet. Ich hatte versucht, ihm zu vermitteln, dass er nicht perfekt zu sein braucht, aber es ist wohl nicht genügend bei ihm angekommen. Meiner Meinung nach gehört bei allem Streben nach Perfektion beim Geigelernen auch eine gewisse Frustrationstoleranz dazu…

    Herzliche Grüße
    Annette Baumann

    • Kinder, denen vieles leicht von der Hand geht, tun sich oft schwer anzuerkennen, dass es auch Dinge gibt, die man eine Zeit lang konsequent üben muss, bis man sie beherrscht. Da ist es wichtig, dass man lernt, nicht „schwarz-weiß“ zu denken, z.B. „ich kann etwas, oder ich kann es nicht“, sondern dass man lernt, dass das Lernen ein Prozess ist, der schrittweise erfolgt. Auch Kinder können lernen, die kleinen Fortschritte anzuerkennen und nach einer Übe-Session mit sich selbst zufrieden zu sein, auch wenn noch nicht alles perfekt läuft. Mit dieser „Geisteshaltung“ kommt man allerdings nicht auf die Welt, und es ist gut, wenn man sie von wichtigen Bezugspersonen lernen darf.
      Herzliche Grüße,
      Andrea Holzer-Rhomberg

      • Liebe Andrea,
        ja, das sind alles Dinge, die wichtig sind für die Persönlichkeitsbildung, und das Kind und auch der/die Erwachsene kann damit auch für viele andere Bereiche des Lebens profitieren, nicht nur fürs Geigespielen…Allerdings frage ich mich, wieviel man in dieser Hinsicht in einer halben Stunde Unterricht in der Woche leisten kann. Für kleine Kinder sind einfach die wichtigsten Bezugspersonen zunächt die Eltern. Ich kann versuchen, für das Kind ein Vorbild zu sein, aber ich glaube einfach, dass es da gewisse Grenzen gibt. Es ist auch ein Stück weit eine Erleichterung für mich, anzuerkennen, dass ich nicht für die komplette Entwicklung eines Kindes verantwortlich bin…
        Freundliche Grüße
        Annette

  2. Liebe Andrea,
    vielen Dank für deinen schönen Artikel. Besonders die Wertung eines Fehlers als “ freundlichen Wegweiser“ fand ich so wichtig. Damit bekommt der Fehler seine wirkliche Aufgabe!
    Mir sind zwei Dinge dazu eingefallen. Das eine hatte ich früher schon einmal erwähnt. Das ist die Basis zwischen Lehrer und Schüler:Mit Wertschätzung und Vertrauen kann der Umgang mit Fehlern auch einfacher gestaltet werden. V.a. bei den jüngeren Schülern. Sie spüren dann, daß an einem Punkt noch gearbeitet werden muss. Und daß das natürlich überhaupt nichts mit ihnen als Mensch zu tun hat. Schwieriger gestaltet es sich z.B. mit Erwachsenen. Einerseits durch ihre Erfahrungen, die sie schon in verschiedenen Bereichen gemacht haben und aber auch- v.a. wenn sie viel Musik hören, bzw. Erfahrung mit Musik haben- daß sie den perfekten Klang im Ohr haben und manchmal verzweifeln, wenn sie diesen Klang noch nicht erreichen. Ich führe ihnen dann vor Augen, wieviel davon schon zu hören ist. Daß sie vielleicht früher schon einmal den Eindruck hatten, eine bestimmte Stufe nicht erreichen zu können. Und es mit Geduld dann doch irgendwann geschafft haben. Auch hier ist die Wertschätzung und Ehrlichkeit wieder die Basis, auf der diese erwachsenen Schüler einen Blick dafür entwickeln können,daß sie gewisse Punkte eines perfekten Klanges schon erreicht haben. Und dann mit Zuversicht an die nächsten Schritte gehen. Ohne Angst, zu wenig leisten zu können, sondern mit Selbstvertrauen.

    Liebe Grüße, Iris

  3. Liebe Andrea!
    Das ist toll, dass Du dieses Problem ansprichst, es begegnet uns immer wieder und immer wieder muss man sich erneut damit auseinandersetzen. Meinen Vorrednerinnen möchte ich folgendes noch dazu beisteuern:Ich habe von einer kleinen Schülerin im Grundschulalter gelernt, die mir von ihrer Turnlehrerin erzählte. Diese pflegte den Kindern zu sagen:“ Sage nicht, ich kann das nicht, sondern, ich kann das noch nicht!“ Seither wende ich diesen Satz selbst immer wieder an, damit die Schüler sehen, dass ich Vertrauen in sie setze und es mit etwas Übung schon klappen wird. Sie sehen, sie haben es selbst in der Hand und etwas zu können ist nicht talentabhängig.
    Liebe Grüße und danke für dieses nette, lehrreiche Forum!
    Silke

  4. Vor einem Auftritt sage ich zu meiner Schülern:
    „Fehler sind unerwünscht, aber nicht verboten. Hauptsache, man macht Musik!“
    „MUT TUT GUT!“
    Ich hoffe dass mit diesen Wörtern Spannungen abzubauen.
    Gesunde Grüße,
    Catherine Pietsch

  5. Danke für diese wertvolle Anregung, das ist ein wichtiges Thema!
    Ja, ich glaube auch dass die Grundlage um schädlichen Perfektionismus zu vermeiden die „Fehlerkultur“ ist, die wir meist selbst nicht so vermittelt bekommen haben.
    Ich glaube aber auch dass wir unsere eigenen „Wunden“ damit heilen können dass wir sie unseren SchülerInnen glaubwürdig vermitteln.

    ich habe eine Schülerin (jetzt ist sie 10), die bereits im Alter von 5 Jahren bei jedem Fehler in Tränen ausgebrochen ist. Natürlich hat da auch die Mutter eine wesentliche Rolle gespielt – das war ihr auch bewußt und wir haben offen darüber gesprochen (das tun wir immer noch).
    Ich habe versucht dieser Schülerin zu erklären, dass wir – weil wir Menschen sind – nicht perfekt, sondern immer nur so gut wie irgend möglich sein können.
    Sie hat mir nicht geglaubt, sondern hat mir erklärt, dass sie sehr wohl perfekt sein kann….
    Schön langsam beginnt sie doch, an meiner Geschichte Gefallen zu finden 🙂

    Gerade bei solchen Kindern finde ich es ganz wichtig dranzubleiben und ihnen über die Musik ein Übungsfeld zu bieten, damit sie die Erkenntnisse in andere Bereiche ihres Lebens einfließen lassen können.

    Alles Liebe und danke für die Möglichkeit des Austausches
    Angelika

    • Liebe Angelika,
      vielen dank für Deinen so schönen Kommentar! Ja, es ist so wichtig, dass junge Menschen eine positive Grundhaltung zu „Fehlern“ beim Üben entwickeln, denn diese Grundhaltung begleitet bei jeglichem Lernen im Leben. Da ist das Spielen eines Musikinstruments wirklich ein wunderbares Übungsfeld dafür!
      Herzliche Grüße,
      Andrea

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