Was um alles in der Welt ist Propriozeption? Warum tun sich manche Schüler am Anfang so schwer, den Bogen gerade zu führen, während das für andere kein Problem zu sein scheint? Warum brauchen viele über längere Zeit eine visuelle Kontrolle, während andere „es einfach sofort im Gefühl haben“?
Das hat mit einer bestimmtem Art der Wahrnehmung zu tun, die bei den Menschen sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann: Die Propriozeption.
Was genau ist Propriozeption, und wie wirkt sie sich auf unser instrumentales Lernen aus?
Definition
Propriozeption wird auch oft „Tiefensensibilität“ genannt, und ist eine Sinneswahrnehmung über die Lage und die Aktivität von Körperteilen, Gelenken, Muskeln und Sehnen. In Wikipedia steht folgendes über Propriozeption:
„Propriozeption (von lateinisch proprius ‚eigen‘ und recipere ‚aufnehmen‘) bezeichnet die Wahrnehmung des eigenen Körpers nach dessen Lage im Raum, den Stellungen von Kopf, Rumpf und Gliedmaßen zueinander sowie deren Veränderungen als Bewegungen mitsamt dem Empfinden für Schwere, Spannung, Kraft und Geschwindigkeit.“
Was hat das nun mit dem Geigenspiel zu tun?
Diese Art der Wahrnehmung versetzt uns in die Lage, unsere Spielbewegungen zu „spüren“ und bewusst zu steuern – wie z. B. den Bogen gerade zu ziehen – ohne hinsehen zu müssen. Sie kennen das alle: Eine der größten Herausforderungen am Anfang des instrumentalen Lernens auf dem Streichinstrument ist es, den Bogen stegparallel führen zu können. Wenn man einen guten Klang entwickeln will, muss man – vereinfacht gesagt – gerade streichen können, sowie Armgewicht, Bogengeschwindigkeit und Kontaktstelle kontrollieren bzw. regulieren können.
Wie hilft uns die Propriozeption beim Üben?
Nehmen wir wieder das Beispiel mit dem „gerade Streichen“. Am Anfang ist sicher eine visuelle Kontrolle sehr hilfreich, z. B. im Spiegel schauen, ob der Bogen gerade geht. Auch der Blick auf die Kontaktstelle beim Streichen kann helfen, allerdings sieht man aus dieser Perspektive oft nicht so gut, ob man tatsächlich gerade streicht.
Ein „Bild“ für die Bewegung hilft meist auch sehr gut, z. B. man stelle sich vor, etwa einen Meter vor einer Wand zu stehen und mit einem kleinen Ball „Prellball“ an der Wand zu spielen. Dann führt man die Bewegung mit dem Bogen in der Hand aus. Statt mit der Hand „stubbst“ man den imaginären kleinen Ball mit der Schraube des Frosches in Richtung Wand und „federt“ wieder zurück.
Eine andere Art, den geraden Bogenstrich zu lernen ist, wenn die Lehrperson den Bogen des Schülers stegparallel festhält und der Schüler „fährt“ mit seiner Hand der Bogenstange entlang auf und ab. Auch so kann er ein „Gefühl“ für die Richtung beim Streichen entwickeln.
Heutzutage gibt es auf dem Markt bereits unzählige Übungshilfen für alles Mögliche, so auch eine „mechanische“ Übungshilfe für den geraden Bogenstrich, genannt „Bogenkorrektor“ (Unter uns gesagt: Ich finde dieses Wort furchtbar!). Den „Bogenkorrektor“ gibt es in verschiedenen Ausführungen und Materialien, von Plastik bis Metall. Er hat die Funktion, den Bogen in der Spur zu halten, indem er einfach eine „mechanische“ Begrenzung links und rechts bietet, über die der Bogen sich nicht hinausbewegen kann. Ob dieses Gerät hilft, dauerhaft ein Gefühl für einen stegparallelen Bogenstrich zu entwickeln, weiß ich nicht, da ich es in meinem Unterricht noch nie ausprobiert habe.
Propriozeption bewusst schulen und einsetzen
Welchen Zugang wir auch immer wählen, vom „inneren Bewegungsbild“ über die visuelle Kontrolle bis zur mechanischen Begrenzung mit dem „Bogenkorrektor“: Im Grunde genommen kommt es meiner Meinung nach letztlich darauf an, ob der Lernende es schafft, die Bewegung „fühlen“ zu lernen, sie steuern zu lernen ohne visuelle Kontrolle oder „materielle Spur-Begrenzungen“.
Die beiden wichtigsten Worte in diesem Zusammenhang in meinem Unterricht sind: „Hören“ und „Spüren“. Damit meine ich konkret: Spüre deine Bewegungen und höre auf den Klang, der dabei herauskommt. Bist du nicht zufrieden mit dem Klang, adaptiere die Bewegungen, bis der Klang gut ist. Spüre bewusst, wie sich die Bewegungen jetzt „anfühlen“. Bist du nun mit dem Klang zufrieden? Die Anpassungen werden immer mehr „verfeinert“. Je besser diese Art der Körperwahrnehmung entwickelt ist und mit dem Sinnesorgan Ohr korreliert, desto besser wird sich das Instrumentalspiel entwickeln. Das Erlernen eines Instruments ist also eine sehr intensive Schulung des Gehörs und der Propriozeption!
Was für Erfahrungen haben Sie mit dem Bewegungslernen Ihrer Schüler und Schülerinnen? Können Sie bei den einzelnen Kindern nennenswerte Unterschiede feststellen? Wie gehen Sie konkret im Unterricht damit um? Erfahrungsberichte und Unterrichtstipps zu diesem Thema sind – wie immer – sehr willkommen!
Herzlichst, Ihre Andrea Holzer-Rhomberg

