Haben Ihre Schüler auch Lieblingsstücke? Es gibt Musikstücke im Literatur-Fundus eines Instrumentalpädagogen, die von fast allen Schülern gerne gespielt werden. Dann gibt es aber auch bestimmte Musikstücke, die von einigen sehr gerne gespielt werden, von anderen aber nicht. Woran liegt das? Was ist denn ausschlaggebend, dass ein Stück gerne gespielt wird?
Faktor Spielniveau
Natürlich hat es viel mit dem Spielniveau einer Schülerin oder eines Schülers zu tun, welches Musikstück sie oder er gerade am liebsten spielt. Wenn die spieltechnischen Anforderungen des Stückes für das derzeitige Lernniveau des Schülers eindeutig zu hoch sind, wird er sich überfordert fühlen. Sind die Anforderungen aber ganz knapp über der oberen Grenze seines Spielniveaus angesiedelt, kann das eine besondere Motivation hervorrufen, genau dieses Stück spielen zu wollen. Wenn dann die spieltechnischen und musikalischen Hürden geschafft sind, ist das Erfolgserlebnis groß und das Stück avanciert zu einem seiner Lieblingsstücke.
Faktor Persönlichkeit
Auch die Persönlichkeit eines Schülers spielt eine Rolle bei der Auswahl der Musik, die er gerne spielt. Es gibt Kinder, die lieben schnelle, virtuose, lustige Stücke, andere wiederum bevorzugen eher ruhige, sehr gefühlvolle Musik. Während die einen das Bravouröse lieben, fühlen sich die anderen eher von den feinen Schattierungen von Klangfarben angezogen.
Faktor stilistische Vorlieben
Dann gibt es noch die stilistischen Vorlieben. Während die einen Mozart lieben, fühlen sich andere von Barockmusik sehr angesprochen. Wieder andere schwelgen am liebsten in den Tönen der romantischen Musik, während einige es lieben, spezielle Klangerzeugungen und Spieltechniken der neuen Musik auszuprobieren. Die Geschmäcker sind eben sehr verschieden. Es ist eine lohnende Aufgabe für uns Pädagogen, nicht nur auf die persönlichen Vorlieben unserer Schüler einzugehen, sondern die Kinder mit allen Stilrichtungen bekannt zu machen, gibt es doch in jeder Epoche viel Schönes zu entdecken.
Was macht aber nun ein Lieblingsstück zu einem Lieblingsstück?
Ich möchte hier nur beispielhaft drei Stücke herausgreifen:
Edmund Severn: Polish Dance
Dieses Stück punktet bei meinen Schülerinnen und Schülern mit seinem unbändigen Schwung, seinen Akkorden, dem Kontrast im G-Moll-Teil (doloroso) mit dem dunklen G-Saiten-Klang, der kleinen Kadenz vor der Reprise und dem stringendo und presto am Schluss. Wenn man die ganzen Akkorde sauber und klangvoll einstudiert, klingt es einfach fulminant, und die Schüler können nicht genug davon kriegen!
Carl Bohm: Perpetuo mobile aus der Kleinen Suite
Schüler, die gerade die 3. Lage gelernt haben und einen sportlichen Ehrgeiz entwickeln, lieben dieses Stück. Es kann nicht schnell genug gespielt werden! Also – wenn Sie Schüler haben, die gerne schnell spielen, dann ran an dieses Stück. Es ist zwar mittlerweile vergriffen, aber Sie finden es noch bei IMSLP.
William Potstock: Souvenir de Sarasate
Auch dieses Stück ist ein absoluter Renner bei meinen Schülern. Warum? Es bietet bereits sehr viele Spieltechniken aus der virtuosen Geigenliteratur von Sarasate an, wie z. B. Doppelgriffe, Flageoletts, linke-Hand-Pizzicato, aber auf einem Level, das Schüler der Mittelstufe gut bewältigen können. Eine Fantasia Espagnole, die sehr viel Spaß macht!
Das waren jetzt nur drei Beispiele, es gibt natürlich noch viel mehr Stücke, die meine Schülerinnen und Schüler gerne spielen. Sicher haben Ihre Schützlinge auch jede Menge Lieblingsstücke. Über einen Austausch darüber in den Kommentaren würde ich mich sehr freuen!
Herzlichst,
Ihre Andrea Holzer-Rhomberg

