Das Stimmen eines Streichinstrumentes erfordert bereits gewisse Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Man kann also nicht erwarten, dass ein Anfänger schon von der ersten Unterrichtsstunde an sein Instrument selber stimmen kann. Am Anfang wird also meist der Lehrer das Instrument des Kindes stimmen. Die Frage ist nun aber: Ab wann sollen denn die Kinder lernen, ihre Geige (Bratsche/Cello …) selber zu stimmen?
In 3 Etappen zum Ziel
Geige stimmen – Etappe 1: Geige auf dem Tisch oder Boden; zupfen
Eine wichtige Voraussetzung für das Erlernen des Stimmens sind Feinstimmer. Das Stimmen mit Feinstimmern ist für Kinder viel leichter zu bewerkstelligen als das Stimmen mit den Wirbeln. Deshalb achte ich darauf, dass die kleinen Kinderinstrumente alle mit Feinstimmern ausgestattet sind.
In meinem Unterricht erlernen die Kinder das Stimmen ihres Instrumentes in 3 Etappen. Mit der ersten Etappe kann bereits in der ersten Lektion begonnen werden. Wir legen unsere Geigen vor uns auf einen Tisch oder auf den Boden, wenn kein Tisch vorhanden ist.
Nun geht es darum, zwei Töne zu vergleichen. Erst zupfe ich die A-Saite meiner Geige, die ich davor bereits gestimmt habe. Nun zupft das Kind die A-Saite seiner Geige und hört genau zu, ob sein Ton gleich hoch klingt wie meiner. Es geht darum, ganz genau hinzuhören. Klingt der Ton nicht gleich hoch, stellt sich als nächstes die Frage, ob er höher oder tiefer ist. Haben wir diese Frage geklärt, geht es ans Stimmen: Während das Kind mit der einen Hand die A-Saite zupft, kann es mit der anderen Hand am Feinstimmer drehen, bis seine A-Saite gleich hoch klingt wie meine.
Auf diese Art stimmen wir anfangs nur die A-Saite gemeinsam, denn sonst würde das Stimmen viel zu lange dauern. Die restlichen Saiten der Kindergeigen stimme ich, sodass wir schnell musizierbereit sind.
Geige stimmen – Etappe 2: Geige in Spielstellung; zupfen
Sobald die Kinder die Geigenhaltung erlernt haben, stimmen wir die Geige in Spielstellung. Mit dem kleinen Finger der linken Hand wird nun die Saite gezupft, mit der rechten Hand kann am entsprechenden Feinstimmer gedreht werden.
Nun geht es nicht nur darum, zwei A-Saiten ( bzw. D-/G-/E-Saiten) zu vergleichen. Wenn die A-Saite gestimmt ist, zupfen wir hintereinander A und D. Die Kinder sollen hören, ob diese Quinte rein ist. Das Erkennen der reinen Quinte üben wir mit Solmisation. Wir singen von der A-Saite abwärts: „So Fa Mi Re Do – So – Do“. A – D muss klingen wie „So – Do“.
Auf diese Weise stimmen wir auch die G-Saite. Nun ist das D unser neues „So“. D – G muss also wieder klingen wie „So – Do“, nur diesmal von der D-Saite aus. Zum Schluss spielen wir noch A – E. Das muss klingen wie „Do – So“. Davor singen wir: „Do Re Mi Fa So – Do – So“, um die Reinheit der Quinte aufwärts zu prüfen.
Geige stimmen – Etappe 3: Geige in Spielstellung; streichen
Sobald die Kinder gerade und mit klarem Ton streichen können, stimmen wir die Geige mit gestrichenen Tönen. Zuerst müssen wir üben, gerade zu streichen, auch wenn die linke Hand als „Störfaktor“ unter dem Bogen durch zu den Feinstimmern greift. Hier hilft es, den Ellenbogen des linken Armes möglichst nahe zum Körper zu bringen, sodass der linke Arm den Bogen beim Streichen nicht „stört“.
Ich lasse die Töne der Quinten zuerst immer hintereinander streichen. Die Kinder hören so viel besser, ob die Quinte rein ist. Erst wenn die Kinder am Feinstimmer gedreht haben und hören, dass die Quinte jetzt rein ist, werden die zwei Saiten gleichzeitig gestrichen, sozusagen zur Kontrolle.
Es braucht schon eine gewisse Zeit, bis die Schüler eine Sicherheit erlangen beim Stimmen. Auch hier ist regelmäßiges Tun erforderlich. Wenn ich als Lehrer meinen Schülern immer die Instrumente stimme, nur weil das vielleicht etwas schneller geht, kann ich nicht erwarten, dass sie plötzlich ihre Geigen selber stimmen können. Sie brauchen sowohl Zeit als auch Übung, um das Hören der Quinten zu verinnerlichen, und um einen schönen klaren Ton zu erzeugen, der die Tonhöhe nicht „verfälscht“. Geben Sie Ihren Schülern diese Zeit, es lohnt sich. Ich finde es einfach wichtig, dass ein Spieler sein Instrument auch selber stimmen kann.
Stimmgeräte und Apps
Natürlich gibt es heutzutage auch noch ander Möglichkeiten, sein Instrument zu stimmen. Mit Hilfe eines Stimmgerätes können die meisten Schüler ihr Instrument sehr schnell selber stimmen, was schon ein Vorteil ist. Allerdings wird durch das Stimmen mittels Stimmgerät das Gehör nicht trainiert. Die Anzeige, ob der Ton stimmt oder nicht, ist in den meisten Fällen visuell und nicht akustisch. Ich persönlich bevorzuge nach wie vor das Stimmen nach Quinten. Beim Stimmen mit Stimmgerät habe ich immer den Eindruck, es stimme nicht wirklich ganz genau, obwohl das wahrscheinlich nicht den Tatsachen entspricht. Außerdem liebe ich den Klang der reinen Quinten, aber ich bin da sicher etwas „altmodisch“.
Wie halten Sie es mit dem Stimmen der Schülerinstrumente? Ab wann fangen Ihre Schüler an, selber zu stimmen? Benutzen sie Stimmgeräte dazu? Haben Sie irgendwelche Tipps auf Lager, um den Schülern das Stimmen zu erleichtern? Über einen Kommentar würde ich mich sehr freuen.
Herzlichst,
Ihre Andrea Holzer-Rhomberg

